Geschichte der Ziegelei – Ziegeleipark Mildenberg

Geschichte der Ziegelei – Ziegeleipark Mildenberg

Die Geschichte der Ziegelei blickt mittlerweile auf eine lange Tradition zurück, deren Ursprünge bis in die Zeit der Jäger und Sammler vor etwa 100.000 bis vor etwa 50.000 Jahren zurück reicht.
Denn bevor man die zahlreichen Tonvorkommen der Erde entdeckte, nutzte man für den Bau von Zelten, Hütten und Verschlägen zuvor all jene nutzbaren Materialien, welche bei der Jagd und der täglichen Nahrungsmittelaufnahme übrig blieben. So überrascht es wenig, dass Zeltbauten aus Holz, Leder, Lehm und Tierhäuten die wohl ersten menschlichen Bauten bildeten. Zudem entstanden einfachere Bauten aus Erde, Ton, Lehm, Stroh und Mist.

ziegeleipark mildenberg
Abbildung: Tonlorenbahnen im Ziegeleipark Mildenberg bei Zehdenick.

Bereits vor 15.000 müssen die ersten luftgetrockneten Lehmziegel in Mesopotamien existiert haben. Die ältesten, luftgetrockneten Ziegel, die Archäologen bisher aufspüren konnten, lassen sich nämlich bereits auf eine Zeit vor etwa 10-15.000 Jahren zurück datieren! Schon in der antiken Stadt Babylon fand man qualitativ hochwertige Ziegel, allerdings ohne spezifischen Zusammenhang zu bestimmten Gebäuden. Der Turm von Babylon (Turm zu Babel) gilt als eines der bekanntesten Ziegelgebäude der Frühzeit.
Vor etwa 6000-4000 Jahren begann man, ebenfalls in Mesopotamien, Ziegel für die Verwendung als Baustoff zu brennen. Wie diese Form der Verarbeitung im Detail entwickelt wurde, ist heute nicht mehr wirklich überliefert. Wissenschaftler und Historiker gehen allerdings davon aus, dass die Entdeckung der Ziegelbrennerei quasi zufällig, auf Grundlage intensiver Beobachtungen – etwa nach einem Gebäudebrand – ablief.

lehm
Abbildung: Lehm – der Rohstoff, aus dem Ziegel entstehen.

Bereits vor etwa 3000 wusste man zudem nachweisbar von der Möglichkeit, Ziegeleiwaren durch verschiedene Zuschläge und Brennzeiten in verschiedenen Farbstufen zu produzieren.
Im Anbetracht der Tatsache, dass die große Pyramide von Gizeh „erst“ vor etwa 2500 Jahren aus bearbeiteten Kalksteinen entstanden ist, handelt es sich bei Ziegeln also bereits um einen relativ altbekannten Baustoff.
Erst ab etwa 1800 vor Christus entdeckten die Menschen den Nutzen des Metalls. Mit der Legierung Bronze, einer Mischung aus 90% Kupfer und 10% Zinn, erreichte die Menschheit hinsichtlich der Baustoffverarbeitung schließlich einen weiteren Meilenstein. Es folgte die Bronzezeit, die vorwiegend durch den Blockbau mit behauenen Baumstämmen charakterisiert ist.

Abbildung: Ziegelsteine der chinesischen Mauer (Quelle: Pixabay, User MemoryCatcher).

Doch die Bedeutung der Ziegeleiwaren sollte dadurch nicht sinken. Beim Bau der chinesischen Mauer – etwa ab 600 vor Christus – wurden ebenfalls Ziegelsteine verwendet.
Zur Zeit des römischen Reiches bildeten Tonwaren und Ziegel bereits elementare Baustoffe. Es existierten verschiedene Ziegelmaße und Formen. Neben rechteckigen Ziegeln, wurden quadratische Ziegelsteine entworfen. Grundsätzlich existierte noch lange kein einheitliches Maß und keine Norm für die Anfertigung. Trotzdem ist die starke Verbreitung des Ziegels im europäischen Raum auch direkt auf die großflächige Ausbreitung des römischen Reiches zurückzuführen. Nachweisbar ist dies vor allem durch die intensive Verwendung personalisierter „Ziegelstempel“, die in den noch ungebrannten Ton eingedrückt wurden.

Abbildung: Ziegelstein mit numerischem Ziegelstempel (Quelle: Pixabay, User: Hans).

Erst mit der Intensivierung der Nutzung als Baustoff, stieg schließlich auch das Wissen um die Ziegeleiproduktion und damit auch die Verfahrenstechnik zügig an. Durch die Beobachtung, dass der Ton in den Sommermonaten deutlich schneller abtrocknet, was in der Folge zu Rissen und somit zu Belastungsschwächen führen kann, verlagerte man die Ziegelproduktion zunehmend auf die Frühjahrs- und Herbstmonate. Über die Wintermonate, musste der Ton als Rohstoff unter Frost und Feuchte lagern, um „richtig aufgeschlossen“ zu werden. Zum Teil werden diese Techniken noch bis heute angewendet, um die Rohstoffe zu veredeln.
Später widmete man sich vor allem der Optimierung der Luftzufuhr während des Trocknungsprozesses. Dies hat vor allem den Hintergrund, dass bei der Trocknung von 1000 gebrannten Ziegeln im Durchschnitt etwa 788kg Wasser verdunsten! Es sind daher ausreichende, nicht zu unterschätzende Luftmengen notwendig, um die gewaltigen Mengen an Wasserdampf abzuführen. In Folge dessen entstand mit der Zeit auch eine Vielzahl an speziell ausgelegten Trocknungshallen mit Trockengerüsten für die Trocknung der ungebrannten Rohziegel.
Im Jahr 794 nach Christus folgte der erste Deutsche Erlass zur Verwendung von Dachziegeln, woraufhin auch der erste an nordeuropäisches Klima angepasste Dachziegel nach römischem Vorbild entwickelt wurde.

hoffmannscher ringofen
Abbildung: Hoffmann’scher Ringofen im Ziegeleipark Mildenberg – Innenansicht.

Doch die Produktion blieb weiterhin sehr energieintensiv. Für eine Tonne Ziegel, mussten mehrere Tonnen Holz, seltener Torf verfeuert werden. Im Irak verwendete man historisch sogar Schilf und Stroh. Pro Arbeiter konnten so etwa 120-140 Ziegel am Tag produziert werden. In verschiedenen Quellen finden sich hinsichtlich des Brennstoffbedarfs spezifische Angaben von etwa 2000-4000 Stück Torf pro 1000 gebrannten Ziegeln – ein enormer Rohstoffaufwand!
Erst mit Aufkommen der Kohle wurde die Holz- und die Torffeuerung im 18. und 19. Jahrhundert schließlich abgelöst. Während man zuvor bei etwa 500-600°C brannte, wurden nun problemlos Temperaturen von etwa 900-1200°C erreicht. Zudem verbilligte sich der Brennstoffeinsatz immens. Im Jahr 1769 folgte die Erfindung der Dampfmaschine durch James Watt. Es folgten zahlreiche dampfbetriebene Maschinen für die Ziegeleiproduktion und die „Thon-Schraube“ von Carl Schlickeysen zum Transport der verformbaren Tonmassen.

dampfmaschine mildenberg
Abbildung: Dampfmaschine im Ziegeleipark Mildenberg.

In Folge dessen stiegen die Produktionsvolumen stark an und der Ziegel wurde als Baustoff zunehmend zur Massenware. Im frühen 19. Jahrhundert erreichten die Deutschen Ziegeleien die zuvor genannte Tagesleistung mittels der neuen Produktionsverfahren bereits innerhalb von einer Stunde. Bereits ab dem Jahr 1850 erfolgte der Umstieg von der bisherigen Feuerung im Meiler zu offenen Feldbrandöfen und gewölbten Ziegelöfen.
Ein weiterer, großer Durchbruch in der Ziegelgeschichte gelang mit der Erfindung des Ringofens ab dem Jahr 1940, für den vor allem FRIEDRICH, E. HOFFMANN ab dem Jahr 1856 Bekanntheit erlangte. Ein Ringofen ist baulich derartig ausgelegt, dass ein Feuer ringartig durch mit Papierwände voneinander separierte Kammern wandert. Die warme Luft in den Brennkammern wärmt die jeweils nächste Kammer vor, während Zugluft die hinteren Kammern mit dem bereits gebrannten Ziegeln abkühlt und zeitgleich für eine konstante Luftzufuhr in der aktiven Brennkammer sorgt. Die Befeuerung erfolgt zumeist von einer separierten, oberen Etage, während ein großer, zentral gelegener Schornstein den Rauchabzug ermöglicht.

Hoffmann'scher Ringofen - Außenansicht
Abbildung: Hoffmann’scher Ringofen im Ziegeleipark Mildenberg – Außenansicht.

Ein effektives Prinzip, welches sich nicht zuletzt auf Grund der Tatsache schnell verbreitete, dass der Ringofen im Vergleich zu seinen Vorgängermodellen bis zu zwei Drittel des Brennstoffbedarfs einsparen konnte. Im Jahr 1870 existierten in ganz Preußen daher bereits über 300 Ringöfen. Auf die ganze Welt betrachtet, bereits über 600 Ringöfen.
Die Bekanntheit Hoffmanns ist jedoch umstritten, da quasi das gleiche Prinzip bereits 15 Jahre zuvor durch verschiedene Persönlichkeiten in England entwickelt wurde. Es folgte ein intensiver Streit um die Erfindung des Ringofens.
Im Jahr 1850 produzierte man in Deutschland schließlich auch den ersten Portland-Zement aus gebranntem Kalkstein, welcher den Ziegel nicht wesentlich später bis heute zunehmend verdrängen sollte.

Tagebau Rüdersdorf
Abbildung: Kalksteintagebau in Rüdersdorf – Der Tagebau in Rüdersdorf ist 4km lang und 1km lang und 1km breit

Nachdem beim Bau einer Eisenbahnlinie zwischen Zehdenick und Templin im Jahre 1887 äußerst rentable Tonvorkommen erschlossen wurden, begann schließlich auch die Geschichte der Zehdenicker Ziegeleiproduktion. Durch die günstige Lage an der Havel, welche den Transport über sogenannte Finow-Kähne oder Treidelkähne ermöglichte, aber auch durch die hervorragende Tonqualität der Region, entstand um Zehdenick letztlich sogar das größte Ziegeleigebiet Europas. Zum Blütepunkt fasste die Region insgesamt 60 Ringöfen mit einer Jahresproduktion von etwa 625 Millionen Ziegeln und 5000 Mitarbeitern. Der Ausbau zur modernen Dampfmaschinenziegelei erfolgte allerdings erst in den 1920er Jahren durch Georg Schtackebrandt.

Ziegeleimaschinen in Mildenberg
Abbildung: Automatisierte Ziegelproduktion in Mildenberg bei Zehdenick.

Zeitgleich entwickelte Otto Bock das Prinzip des Tunnelofens, welcher erstmals bereits im Jahr 1874 in Produktion ging und den Ringofen nach dem Zweiten Weltkrieg allmählich ablöste. Zunächst wurde mit Öl gefeuert, ab den 1960er Jahren feuerte man mit Erdgas.
Bevor der Branntkalk im Laufe des 20. Jahrhunderts schließlich Popularität erlangte und Zement und Beton den Ziegel als Baustoff folglich zunehmend verdrängten, stellte der Ziegelstein einen elementaren Baustoff für die Errichtung Berlins dar. Nicht umsonst ergab sich daher mit Blick auf den Wassertransport über die bereits erwähnten Finow-Kähne das Sprichwort, Berlin wäre aus dem Kahn gebaut worden.
Allerdings kamen die Tonvorkommen um Zehdenick bereits im Jahr 1965 zur Erschöpfung. Die Umstellung der Plan- auf die Marktwirtschaft und die immer steigende Bedeutung von Zement und Beton führten letztlich dazu, dass die Ziegelproduktion in Zehdenick im Jahr 1991 vollständig eingestellt wurde.

ziegeleipark
Abbildung: Tonlorenbahnen im Ziegeleipark Mildenberg bei Zehdenick

Mittlerweile haben sich die ehemaligen Tongruben zu einem bedeutenden Lebensraum geschützer Arten wie dem Fischotter, dem Elbebieber, Fledermäusen und verschiedenen Vogelarten gewandelt. Zahlreiche weitere Tier- und Pflanzenarten finden in der Wasserreichen Region zwischen Wiesen, Röhrichten und Gehölzen eine Heimat. Nicht umsonst wurde die Zehdenicker Tonstichlandschaft als Landschaftsschutzgebiet ausgewiesen und in den Naturpark „Uckermärkische Seen“ integriert.
Auf dem Gelände der ehemaligen Ziegelei Schlackebrandt entstand seit den 1990er Jahren zudem der heutige Ziegeleipark Mildenberg, ein interaktives Museum der Industriekultur, welches die Ziegeleigeschichte der Region besonders erlebnisreich darstellt und jährlich knapp 50.000 interessierte Besucher anlockt.

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Abbildung: Mit der Zeit entwickelte man moderne Ziegel mit Hohlräumen.
Literatur und Quellenangaben

BENDER, WILLI (2004): Vom Ziegelgott zum Industrieelektroniker – Geschichte der Ziegelherstellung von den Anfängen bis heute. Bundesverband der Deutschen Ziegelindustrie, Bonn (Hg.).

GRIES, ULRICH (2005): Streifzüge – Gründerzeiten – Wie ein Ziegelstein entsteht. Gesellschaft für Museum und Touristik Mildenberg mbH, Zehdenick OT Mildenberg.

NÖLTE, JOACHIM (2021): Industrie-Kultur. Terra press Gmbh, Berlin (Hg.).

RAACH, JÖRG (2010): Industriekultur in Brandenburg – Faszinierende Denkmale des Industriezeitalters. L&H Verlag Berlin.

RUPP, ERWIN; FRIEDRICH, GÜNTHER (1993): Die Geschichte der Ziegelherstellung. Bundesverband der Deutschen Ziegelindustrie, Bonn (Hg.), 3. Auflage.

STARK, JOCHEN; WICHT, BERND (2012): Geschichte der Baustoffe. Vieweg+Teubner Verlag.

SCHWARK, PROF. DR., J. (Hg.); BOSHOLD, A.; DR. EBERT, W.; FISCHER, E.; DR. FUCHS, M.; GRIES, U.; KRAJEWSKI, C.; PROF. DR. MATZLER, K.; PROF. DR. PECHLANER, H.; DR. PIKKEMAAT, B.; DR. RENZL, B.; DR. SCHINKEL, E.; PROF. DR. SCHWARK, J.; DR. THUY, P.; PROF. DR. WACHOWIAK, H.; WILHELM, L. (2004): Tourismus und Industriekultur – Vermarktung von Technik und Arbeit. Schriften zu Tourismus und Freizeit 2. Deutsche Gesellschaft für Tourismuswissenschaft e.V., Erich Schmidt Verlag.