Der Blob – Ein Leben zwischen Pilz- und Tierreich
Die Welt der Pilze (Fungi) ist wundersam und faszinierend zugleich. Wahrscheinlich denkst du bei Pilzen zunächst an die üblichen Speisepilze aus dem heimischen Wald. Dabei handelt es sich aber genau genommen nur um die oberirdischen Fruchtkörper des eigentlichen Pilzes, der sich im Substrat verbirgt und dort großflächige Netzwerke und teils sogar Symbiosen bildet.

Pilz oder kein Pilz?
Bei den klassischen Speisepilzen handelt es sich in der Regel um Pilze aus der Abteilung der Ständerpilze (Basidiomycota). Neben dieser Gruppe existieren weitere Abteilungen, wie die Schlauchpilze (Ascomycota), zu denen auch viele Schimmelpilze gehören. All diese Pilze vereint die Tatsache, dass sie aus fadenförmigen Zellen (sogenannten Hyphen) bestehen, welche letztlich das Myzel bilden. Zudem besitzen sie Zellwände aus Chitin und wachsen fest an einem Ort.
Schleimpilze hingegen, zählen zu den einzelligen Protisten und können sich sogar aktiv fortbewegen! Diese Organismen vereinen pilzliche und tierische Eigenschaften und werden daher trotz ihres Namens mittlerweile nicht mehr zu den echten Pilzen, den Fungi, gezählt. Besonders die Fähigkeit der aktiven Fortbewegung macht die Beobachtung von Schleimpilzen äußerst interessant. Der Blob (Physarum polycephalum) etwa, ist dazu befähigt, potentielle Nahrungsquellen gezielt zu erschließen. Ferner scheint er dabei sogar ein gezieltes Netzwerk aus effektiven Verbindungen herzustellen. Im Grunde besteht der Blob dabei jedoch aus einer einzigen großen Zelle mit einer Vielzahl an Zellkernen. Besonders aus diesen Gründen ist der Blob auch Bestandteil von verschiedensten wissenschaftlichen Experimenten, etwa in der Verkehrsplanung, insbesondere in der Optimierung von Leitstellen-Routen.
Vom Ruhemodus zum wandernden Netzwerk
Unter passenden Bedingungen kann der Blob in der Natur eine Distanz von bis zu einem Meter pro Tag überwinden. Darüber hinaus gilt er als äußerst widerstandsfähig. Als Folge von Trockenheit und Lichteinfluss bildet der Blob eine Ruheform – das sogenannte Sklerotium – aus, mit welcher er sowohl Frost, als auch enorme Hitze und Trockenzeiten überdauern kann. Doch sobald die Temperaturen wieder steigen (bzw. sinken) und das Sklerotium wieder mit Feuchtigkeit in Kontakt kommt, zeigt sich ein Schauspiel, wie man es nur selten beobachten kann.
Unmittelbar nachdem das Sklerotium wieder Feuchtigkeit aufgenommen hat, endet die Ruhephase und der Organismus begibt sich aktiv auf Futtersuche. Bereits nach etwa 24 Stunden sind die ersten kleinen „Netzwerke“ deutlich sichtbar. In der Natur bedient sich der Blob an allerlei abgestorbenen Materialien. Bei künstlicher Kultur erfreut er sich bereits an wenigen einfachen Haferflocken. In einer Petrischale ist das Schauspiel besonders gut zu beobachten.

Blob selber züchten
Die Kulturbedingungen des Blobs gelten auf Grund seiner hohen Toleranz gegenüber verschiedenen abiotischen Bedingungen als relativ unkompliziert. Mit etwas Geduld kannst du den Organismus daher auch ganz einfach bei dir zu Hause züchten und dabei spannende Beobachtungen machen.
Man nehme eine Petrischale aus Glas und lege ein zugeschnittenes Filterpapier (etwa von einem Kaffeefilter) hinein. Anschließend übergießen wir sowohl die Petrischale, als auch den zugehörigen Deckel und eine Pinzette mit heißem Wasser aus dem Wasserkocher, um möglichst viele Keime abzutöten. Ohne eine Sterilbank oder einen Autoklaven wird das verwendete Gefäß zwar niemals vollkommen steril werden, allerdings wirkt sich jede Hygienemaßnahme später positiv auf das Wachstum aus.
Sobald das Gefäß anschließend etwas abgekühlt ist, wird das Sklerotium mit der Pinzette mittig in der Petrischale platziert und mit wenigen Tropfen Wasser befeuchtet. Je nach Belieben können anschließend ein bis zwei Haferflocken als Futter mit in die Petrischale gegeben werden. Die Position der Haferflocken ist nicht ausschlaggebend, da der Blob sich das Futter aktiv ersuchen wird!
Anschließend stellt man die verschlossene Petrischale an einen dunklen und zimmerwarmen Ort, etwa in einen Karton. Zu viel Licht oder Nässe stresst den Organismus und fördert Schimmelbildung. Von daher sollte man bei der Wahl des Standortes möglichst bedacht vorgehen. Bereits nach 24 Stunden haben sich die ersten „Verbindungen“ zur Nahrungsquelle erschlossen und das Haferkorn ist vollständig überwuchert. Nach weiteren 24 Stunden ist das komplette Gefäß bereits vollständig mit einer Art Netzwerk durchzogen.

Es wirkt, als würde der Schleimpilz ein gezieltes Wegenetz bilden, um seine Nahrungsquellen stets auf dem kürzest möglichen Wege erreichen zu können. An Stellen mit einer höheren Nahrungsdichte scheinen sich die einzelnen „Stränge“ sogar noch einmal deutlich zu verzweigen! Genau diese Beobachtung macht den Blob auch für Wissenschaftler äußerst spannend. Tatsächlich existieren bereits zahlreiche Experimente, bei denen der Blob etwa mögliche Verkehrsrouten in Gebirgen „ermittelt“. Darüber hinaus kann er bei der Routenoptimierung von Krankenwagen behilflich sein, indem er durch seine Eigenschaft, stets den kürzesten Weg zu wählen, die Strecken zwischen Leitstelle und Patienten optimiert.
Neugierig geworden?!
Wenn du selbst einmal mit dem Blob experimentieren möchtest, erhältst du die notwendigen Materialien und das Sklerotium in spezialisierten Online-Shops. Hin und wieder habe ich auch selbst Sklerotien abzugeben. Hinterlasse mir bei Bedarf gerne eine Mail!
Auf der Suche nach weiteren spannenden Themen? Was ist eigentlich das Nostoc Bakterium und was sind das für grüne Schleimkugeln auf meinem Substrat? Was ist ein Phytotelma? Diese und weitere Fragen beantworte ich dir auf diesem Blog!

