Lebende Steine – Meister der Tarnung
Manche Organismen haben sich so gut an ihre Umgebung angepasst, dass sie auf den ersten Blick oft unsichtbar erscheinen. In der Biologie nennt man dieses Phänomen auch Mimese. Lebende Steine, eine Gruppe faszinierender Sukkulenten aus der Familie der Mittagsblumengewächse, die im Süden Afrikas vorkommen, zeigen diese Anpassungsfähigkeit auf besonders eindrucksvolle Art und Weise.

Was sind lebende Steine?
Die meisten Pflanzen, die der Gruppe der „lebenden Steine“ zugeordnet werden, stammen aus der Gattung Lithops und weisen einen maximalen Durchmesser von etwa 5cm auf. Die gesamte Pflanze besteht lediglich aus zwei Blättern (sogenannten Loben), die stets eine unterschiedliche Größe aufweisen und in der Regel bis zu zwei Drittel im Substrat vergraben sind. Eine kräftige Pfahlwurzel verankert die Pflanzen in den von Trockenheit gekennzeichneten Böden und unterstützt bei der Erschließung tieferer Wasservorkommen. Neben der Gattung Lithops werden die Arten der Gattungen Conophytum, Lapidaria, Titanopsis und Gibbaeum zum Teil ebenfalls zu den lebenden Steinen gezählt. Arten der Gattung Pleiospilus werden auf Grund der etwas größeren Größe manchmal sogar als lebender Granit bezeichnet.

Photosynthese im Verborgenen
Lithops wachsen an sonnenreichen Standorten mit trockenen, kieselreichen Böden im südlichen Afrika. Genauer genommen in Botswana, Namibia und Südafrika. Die fleischigen Blätter der Pflanzen dienen daher vor allem als Wasserspeicher. Zudem sind die beiden Blätter fast vollständig miteinander verbunden und weisen an der Oberseite sogenannte Fenster auf, die je nach Art verschieden geformt und unterschiedlich stark ausgeprägt sein können. Die Funktion dieser Fenster besteht darin, einen Lichteinfall in die Pflanze ermöglichen. Und das nicht ohne Grund! Lithops haben eine ganz spezielle Form der Photosynthese entwickelt, die man im Pflanzenreich nur selten findet.
Zu einem sind die Pflanzen im Inneren chlorophyllhaltig, wodurch die Photosynthese auch im Inneren der Pflanze ermöglicht wird. Darüber hinaus haben lebende Steine die Fixierung von Kohlenstoffdioxid (CO2) auf die Nacht verlagert. Während des Tages halten die Pflanzen ihre Spaltöffnungen geschlossen, um die Verdunstung zu reduzieren und zu ruhen. Solche Pflanzen sind in der Natur durchaus selten und werden den sogenannten CAM-Pflanzen zugeordnet.

Wie wachsen lebende Steine?
Obwohl es sich bei lebenden Steinen um hochspezialisierte Organismen handelt, gestaltet sich die Kultur der Pflanzen überraschend unkompliziert. Nicht umsonst handelt es sich bei Lithops um eine klassische Einsteigerpflanze. Da es sich um Sukkulenten handelt, bevorzugen die Pflanzen ein gut drainiertes, mineralisches Substrat an einem hellen und trockenen Standort. Die Wachstumszeit liegt zwischen Januar und Mai. In dieser Zeit entstehen zwei neue sukkulente Blätter, während die alten Blätter langsam schrumpfen und schließlich vertrocknen. In dieser Zeit sind die Pflanzen besonders wasserempfindlich und sollten nur extrem spärlich oder gar nicht gewässert werden.

Die Blüte enttarnt das Schauspiel
Generell besteht das größte Risiko der Kultur von lebenden Steinen in einer zu starken Wässerung. Die Pflanzen sollten daher generell äußerst sparsam bewässert werden. Benötigen die Pflanzen Wasser, beginnt die Oberfläche der Pflanzen leicht schrumpeln. Im Zweifelsfall sollte man daher besser zu wenig, als zu stark wässern. Mit Beginn des Herbstes, nach der natürlichen Regenzeit, beginnen die Pflanzen zu blühen. Zwischen den beiden Loben erscheint nun je eine weiße oder gelbe Blüte. Die Tarnung der Pflanzen ist nun aufgeflogen.
Lebende Steine zeigen auf eindrucksvolle Weise, wie weit sich Pflanzen an extreme Lebensräume anpassen können. Durch ihre Tarnung, ihren ungewöhnlichen Aufbau und ihre besondere Form der Photosynthese entziehen sie sich nicht nur den Blicken von Fressfeinden, sondern trotzen auch den harschen Bedingungen ihrer Umwelt. Gerade diese Kombination aus Unauffälligkeit und hochspezialisierter Lebensweise macht sie zu einem faszinierenden Beispiel dafür, wie vielseitig und überraschend die Strategien der Pflanzenwelt sein können.

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