Victoria amazonica – die größte Seerose der Welt
Sie wirkt fast wie aus einem Cartoon – die Riesenseerose (Victoria amazonica) bildet derart große Blätter aus, dass sie sogar Hunde und kleine Kinder tragen kann. Außerdem kann sie Insekten gefangen nehmen und die Farbe ihrer Blüte ändern. Ein echtes Naturwunder, das nach der englischen Königin Victoria (1819-1901) benannt wurde. Was steckt hinter der Pflanze, die schließlich sogar zur Gründung der Sozialkasse der Arbeiter von Borsig führte?

Eine Seerose, die Kinder tragen kann
Die Riesenseerosen der Gattung Victoria zählen sicher zu den spannendsten Pflanzen unserer Erde. Mit ihren bis zu drei Meter großen Blättern, die auf der Blattunterseite eine Vielzahl an Luftkammern und kräftigen Dornen enthalten, erreichen die Pflanzen eine Tragkraft von bis zu 50kg. Diese stabile Bauweise ermöglicht es ihnen, sogar kleine Kinder und Tiere zu tragen. Auf der Blattoberseite befinden sich neben einem aufrechten, etwa 5-10cm stehenden Rand, zudem zwei gegenüberliegende Einschnitte, die dazu dienen, angesammeltes Regenwasser abzuleiten. Denn in ihrer Heimat, in Südamerika, müssen die heimischen Pflanzen dem regelrecht extremen Starkregen trotzen. Ein ausgeklügeltes System, welches den Riesenseerosen einen entscheidenden Vorteil bietet und Blattrisse effektiv vermeidet.

Extreme Hitze und hohe Luftfeuchtigkeit – ein Spezialist für Botanische Gärten
Insgesamt sind in der Gattung Victoria nur zwei in Südamerika heimische Arten bekannt: Victoria amazonica und V. cruziana. In ihrer Heimat herrschen teils extreme Wuchsbedingungen. Starke Hitze mit enorm hohen Wassertemperaturen und einer nahezu gesättigten Luftfeuchtigkeit durch extreme Niederschläge zeichnen die natürlichen Standorte der Riesenseerosen aus. Damit die Pflanzen entsprechend gedeihen, sind daher Wassertemperaturen von über 30°C und eine extrem hohe Luftfeuchtigkeit notwendig. Besonders während des Winters sind in unseren Breitengraden daher enorme Energiemengen erforderlich, um die Pflanzen zu kultivieren. Aus diesem Grunde werden sie in botanischen Gärten meist einjährig gehalten, obwohl sie in der Natur durchaus mehrjährig vorkommen. Zunächst wachsen die Blattanlagen als Kugel heran. Erst bei Kontakt mit der Wasseroberfläche rollen sie sich auf und überwachsen die bereits vorhandene Vegetation mit ihren bis zu drei Meter großen Blättern.

Die Blüte – ein Insektenmotel mit wechselnden Farben
Die Blüte der Riesenseerosen kann eine beeindruckende Größe von bis zu 40cm erreichen. Allerdings dauert das gesamte Schauspiel nur zwei Tage. Pro Pflanze wird nur eine einzige Blüte gebildet, um die Chance auf (Fremd-)Bestäubung zu erhöhen. Darüber hinaus wechselt die Blüte während der Reifephase ihre Farbe. Mit diesem einfachen Trick signalisiert sie ihren Bestäuberinsekten die Bereitschaft für die Befruchtung. Zunächst erscheint die Blüte weiß. Werden die anfänglich weißen Blüten von Insekten aufgesucht, rollen sich die Blüten schließlich bis zum nächsten Tag zusammen. Die Insekten werden zur Bestäubung also gezielt eingeschlossen!

Thermogenese – Wenn Pflanzen heizen
Dabei haben es die Insekten allerdings gar nicht so schlecht, wie man zunächst vermuten mag. Zum einen steht ihnen ein reichhaltiges Angebot an Pollen zur Verfügung, auf der anderen Seite sind die Blüten dazu befähigt, sich aktiv bis auf 29 °C aufzuheizen. Diese Heizfunktion dient einerseits dem Schutz der Bestäuberinsekten, ist allerdings auch dafür behilflich, den Geruch der Blüte noch stärker in der Umgebung zu verbreiten. Diesen Vorgang, den man ebenfalls bei der Titanwurz – der Pflanze mit dem höchsten Blütenstand der Welt – beobachten kann, bezeichnet man auch als Thermogenese. Öffnet sich die Blüte am nächsten Tag und entlässt die darin befindlichen Insekten, erscheint sie nun nicht mehr weiß, sondern rosa. Ein deutliches Signal, dass die Bestäubung bereits abgeschlossen ist. Anschließend sinken die bestäubten Blüten zu Boden, wo die Samen schließlich keimen und neue Pflanzen entstehen lassen.

Victoria amazonica und die Faszination für die Botanik
Für uns Menschen soll der fruchtige Duft der Blüten wohl an Ananas erinnern. Entdeckt wurde die Gattung Victoria übrigens im Jahre 1801 auf einer Forschungsreise des Botanikers Haenke im Gebiet des Amazonas. Anschließend dauerte es nicht lange, bis sich die Pflanzen in den ersten privaten Sammlungen und botanischen Gärten verbreiteten. In Deutschland blühten die Pflanzen erstmals 1851 in der botanischen Sammlung des industriellen Borsig. In seinem privaten Garten in Berlin Moabit errichtete er ein Gewächshaus mit einer neuartigen Warmwasserheizung. Gegen Entgelt durften Interessierte das Gewächshaus besuchen und die Pflanzen bestaunen. Die Einnahmen aus seinem botanischen Schaugarten führten schließlich zur Gründung der Invalidenkasse seiner Arbeiter.

Wie wir sehen ist Victoria amazonica weit mehr als nur eine außergewöhnlich große Seerose – sie ist ein eindrucksvolles Beispiel für unsere vielfältige und komplexe Natur. Von tragfähigen Blättern bis hin zu raffinierten Bestäubungsmechanismen vereint sie Eigenschaften, die nahezu surreal erscheinen. Kein Wunder also, dass sie seit ihrer Entdeckung Menschen auf der ganzen Welt begeistert.
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Ich empfehle dir meine Beiträge zum Thema „Rafflesia – die größte Blume der Welt“ und „Die Titanenwurz – Gigant der Blütenpflanzen“.
Literatur und Quellenangaben
ANON. (2021): Kuriose Pflanzenwelt – Riesenseerosen – Trickreiche Königinnen unter den Wasserpflanzen. Pflanzenforschung.de
https://www.pflanzenforschung.de/de/pflanzenwissen/journal/kuriose-pflanzenwelt-riesenseerosen
ANON. (2026): Die Victoria – Victoria amazonica. Website des Botanischen Garten Berlin.
https://www.bgbm.org/de/infotainment/die-victoria

